FRIEDA GORALEWSKI

(1893 - 1989)


Frieda Goralewski, von ihren Schüler/innen Gora genannt, wurde in Hildesheim als ältestes von acht Kindern geboren. Ihre Jugend verbrachte sie in Danzig und dort begann sie ihre Ausbildung zur Lehrerin, die sie in Berlin abschloss. In Berlin erlebte sie auch den Ersten Weltkrieg. Die Kriegsereignisse und die laute und enge Stadt Berlin beschreibt sie in ihren Erinnerungen (1) als entsetzlich, grauenhaft und bedrückend.

Vor und nach dem Krieg entwickelte sich in Deutschland eine starke Reformbewegung, die auf viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens einen starken Einfluss hatte.

Man denke nur an die vielfältigen Einflüsse des Bauhauses auf Architektur, Industriedesign und Kunst. Es entwickelten sich Frauen- und Jugendbewegungen, Reformpädagogik, Vegetarismus, Freikörperkultur und eine Vielzahl spiritueller Richtungen.

Überall entstanden Gymnastik-, Tanz- und Atemschulen, und Gora lernte eine ihrer berühmtesten Vertreterinnen kennen: Elsa Gindler. Gindler hatte seit 1913 ein eigenes Institut für "Harmonische Gymnastik".

Gora arbeitete elf Jahre als Lehrerin, die sie als fürchterliche und chaotische Zeit beschreibt. Aber in all den Jahren ging sie nach der Schule in die Stunden von Elsa Gindler, um sich "zu erholen". Bis eines Tages Frau Gindler ihr die Möglichkeit bot, selber zu unterrichten und ihre eigene Schule zu gründen. "Ja, da hab` ich nun auch wirklich gedacht, irgendwo tut sich ein Paradies auf. Von der Sekunde an wusste ich, welchen Weg ich gehen könnte, nämlich den, den Körper zu finden." (2)

Ihre Schule entwickelte sich, bis in der Zeit des Nationalsozialismus ihre jüdischen Schüler/innen wegblieben. Aber auch die nicht-jüdischen Schüler/innen kamen nach und nach nicht mehr aus Angst oder um nicht als "Verräter" zu gelten (3). So stand ihre Schule kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor dem Ende. Sie konnte sich nur durch Hausbesuche ihren Lebensunterhalt sichern. Am Ende des Krieges kamen jedoch etliche der alten Schüler/innen wieder, neue meldeten sich an und die Schule entwickelte sich sehr gut. Ab den siebziger Jahren waren die Plätze in ihrer Wohnung in der Nassauischen Straße, in der sie auch unterrichtete, voll belegt.

Gora arbeitete von früh bis spät für ihre Schüler. Der Tag begann oft mit Hausbesuchen und danach hielt sie viele Gruppenstunden ab oder gab Einzelbehandlungen. Sie sorgte sich besonders um Schwangere und Kinder. Für einen geringen Monatsbeitrag, den man in eine Schale legte, konnte man täglich ihren Unterricht besuchen. Sie ermunterte alle, so oft wie möglich zu kommen. In den späten siebziger Jahren übernahm einer ihrer Schüler, Michel Benjamin, die organisatorische Leitung ihrer Schule, und er unterrichtete auch.

Mit Michel Benjamin veränderte die Schule ihren Charakter. Bisher gab es ausschließlich sogenannte Laienkurse. Jetzt wurden zusätzlich mehrwöchige Intensivkurse eingerichtet, die neben dem "Turnunterricht" auch Anatomie-, Musik-, Gestalttherapie-, Keramik- und Malstunden enthielten.

Bald wurde dem großen Wunsch nach einer mehrjährigen Ausbildung Rechnung getragen und es gab mehrere Ausbildungsklassen, die von Gora, Michel Benjamin, Leonore Quest und anderen Mitarbeitern unterrichtet wurden.

"Um Schönheit müssen wir uns nicht bemühen, der Körper wird von alleine schön, wenn er endlich frei atmen kann."
(Frieda Goralewski)

Am Ende ihres Lebens wurde Gora von ihren Schülern in den Turnraum getragen. Dort saß sie - wie sie es viele Jahrzehnte getan hatte - auf einem kleinen Bänkchen und sprach während der Turnstunden mit ihrer klaren Stimme. Sie erklärte den Körper und half ihren Schüler/Innen bei deren Versuchen, ihren Körper zu finden. Dabei beobachtete sie sehr genau und ermunterte selbst die, die in dem großen Raum sehr weit von ihr entfernt waren.

Gora wurde fast 97 Jahre alt und hielt ihre Stunden bis wenige Tage vor ihrem Tod.



Die Zitate sind aus dem Buch: "Auf dem roten Teppich - Erinnerungen an Frieda Goralewski", Berlin 2003, S. 69-79